Zur Vorgeschichte: Beim Chang Jiang-Gespann handelt es sich um die Kopie einer Kopie. Dank einem Lizenzvertrag gelangten noch vor dem Zweiten Weltkrieg BMW-Gespanne des Typs R 71 (750 ccm, Seitenventiler, produziert von 1938 bis 1941 ) und deren Baupläne in die Sowjetunion. Die Russen bauten ab 1941 die M 72. Diese wurde später mit Seitenwagenantrieb, Rückwärtsgang (1959) und Vollnabenbremsen (1962) modernisiert. Zuletzt wurde dieses Gespann unter der Bezeichnung Dnepr MT 12 hergestellt. 1988 wurde die Produktion eingestellt.

 

Beachten Sie die Anweisungen der Erbauer


 

Die Chang Jiang weist diese Modernisierungen nicht auf, denn schon in den 50er Jahren lieferten die Russen einige M 72- 50 Gespanne und Konstruktionspläne an China. Dank dieser Hilfe konnte in der ostchinesischen Stadt Nanchang 1957 eine eigene Fertigung anlaufen. Die Gespanne wurden nach dem Chang Jiang-Fluss benannt, der von Nanchang nach Shanghai und ins Ostchinesische Meer fliesst. In China dient das Chang Jiang-Gespann als Armee- und Behördenfahrzeug.

 

Aufgerüstete Vorderbremse


 

Eine Armee verschiebt sich mit 40 bis 50 km/h. In diesem Geschwindigkeitsbereich fährt sich das Gespann selbst auf Strassen ohne Asphalt recht komfortabel. Mehr als 80 km/h Dauergeschwindigkeit sollte man dem Motor nicht abverlangen. Es verbietet sich, im Zusammenhang mit diesem Motor von Höchstleistung und maximalem Drehmoment zu sprechen. Die Leistung ist nach heutigem Massstab niedrig und das Drehmoment bei jeder Tourenzahl minimal.

Das Getriebe ist nichts für zartbesaitete Naturen. Je nach Geschick und Tagesform gelingen völlig geräuschlose Schaltvorgänge, oft kracht es markerschütternd, und wenn man nicht aufpasst, kratzt es wie bei einem alten Hürlimann-Traktor.

Die Bremsen verlangsamen die Fahrt, das Fahrwerk fährt und werkt, die Aufhängungen hängen die Räder auf, und am Gespann hängen sie auch. Gegen schmerzendes Sitzfleisch auf den Plastik-Einzelsätteln helfen Velohosen.

 

28 PS bei 4250/min inkl. ungeregeltem Kat; und ein Rückwärtsgang...toll was?!


 

Wenn Sie sich ernsthaft für eine Chang Jiang interessieren, gehören Sie mit Sicherheit zu den komischen Vögeln, die perfekte Motorräder verabscheuen und sich insgeheim freuen, wenn es wieder etwas zu schrauben gibt. Nun ja, ich weiss nicht, ob Ihnen die Nachricht, dass der Kilometerzähler nach 100 km ausstieg und wir deshalb keinen Testverbrauch beziffern können, als Kaufanreiz genügt. Auch die eine faule Kerze dürfte für Sie keine Herausforderung sein.

 


 

1994 schaute bei Egli in Bettwil ein Schweizer vorbei, der sich aus China ein solches Gespann mitgebracht hatte. Fritz W. Egli forschte nach und importierte 1996 nach umfangreicher Fax-Korrespondenz die erste Lieferung. Bislang verkaufte er 30 Gespanne in der Kiste zur Selbstmontage, sechs Stück als Komplettfahrzeuge. Ende November reisen Fritz und Beatrice Egli auf Einladung des Werks erstmals nach China. Dort werden sie mit den chinesischen Technikern die Ubernahme von Verbesserungen in die Serienfertigung diskutieren, welche Egli ausgearbeitet hat.

Die Grundkonstruktion des Chang Jiang geht auf anno 1938 zurück und müsste eigentlich veraltet sein. Doch weil das Leben nicht geradlinig, sondern in Zyklen, also Kreisen, abzulaufen scheint, ist das Chang Jiang-Gespann plötzlich wieder zeitgemäss, ja hochmodern. Die drastisch erhöhten Geschwindigkeitsbussen sind keine Bedrohung. Und um den Führerschein wegen zu schnellem Fahren loszuwerden, müssten Sie innerorts das Letzte aus der Chang Jiang herausquetschen. In der Praxis fahren Sie einfach das Tempo, welches Verkehr und Fahrzeug zulassen. Kein Schielen hinter die Häuserecken, kein verkrampftes Absuchen des Strassenrandes, nur Motorrad fahren im ursprünglichsten Sinn. Lassen Sie die Seele baumeln.

 

 

Mao Tse Tungs Sonntagsfahrzeug neben dem Symbol des Imperialismus

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Fahrbericht: Chang Jiang CJE 750 OHV (MSS 12/2000)

Oldie aus China

Technische Daten

 

Die Chang Jiang 750 mit Seitenventilgesteuertem Boxer (Test in MSS 18/96) hat eine gleichnamige Zwillingsschwester bekommen. Der kleine Unterschied: Die Neue besitzt ein OHV-Triebwerk. Diese «Overhead Valves» (im Zylinderkopf hängende Ventile) bedeuten ein zünftiges Doping für das exotische Gespann aus Chinas Hauptstadt Peking.

Unübersehbar:
Verwandtschaft mit dem ehemaligen BMW-Wehrmachts-Gespann

Die erste Chang Jiang 750 war eine perfekte Kopie der legendären Wehrmachts - BMW R71. Fahrwerksseitig ist bis heute fast alles beim Alten geblieben. Doch motorisch haben die Chinesen nun immerhin die Ära des deutschen Wirtschaftswunders erreicht. Die «Chang» teilt sich mit den russischen Dnepr/Ural die Ehre, das Erbe der in den Fünfzigerjahren weit verbreiteten BMW R60 und R66 hochzuhalten. Liebhaber wissen: Das bedeutet Klassik pur, saftiges Grummeln und fast vergessene Fahrgefühle.

Trotz vorderer Duplex-Trommel
verzögert die Chinesin schwach

Die Chang Jiang CJE 750 ist ein echtes Schnäppchen für Oldie-Mechaniker! Denn die Chinesin, mit der in ihrem Heimatland Menschen, Mandarinen und Schweine herumkutschiert werden, will in kurzen Abständen geschmiert, geölt und nachgestellt werden. Weil auch mal ein Tropfen Öl unten raustropft, müssen Mieter von Tiefgaragen-Einstellplätzen auf eine tolerante Hausverwaltung hoffen.

Notsitz im Beiwagen:
Ein Teenager passt da - aber nur zur Strafe -
ganz knapp rein

Wer sich eine Chang Jiang zulegen will, muss wissen: Tempo und Stress verträgt sie nicht. Die Strafe folgt garantiert auf dem Fuss mit vielen Bobochen und Wehwehchen! Etwas Kenntnisse in Töff-Tantra, Qi-Gong und Feng-Shui sind also angebracht. Und noch was: China öffnet sich jetzt bekanntlich dem Westen und träumt von Microsoft und VW. Bald werden deshalb Maos Erben mit selbst unter Fernost-Lizenzen hergestellten, moderneren Zweirädern unserem Wirtschaftsweg folgen. Relikte wie die Chang Jiang wird`s bald nicht mehr geben…

Aber noch werden diese wunderbar hässlichen Boxer-Kübel, als Chang Jiang bei Nanchang-Aircraft auf Kiel gelegt. Insgesamt wird der Zweizylinder bei sechs verschiedenen chinesischen Motorradfabriken zusammengebastelt (zum Beispiel Feng Tong). Nur Donghai weicht vom Boxermotor ab und baut eine getreue Kopie eines ehrwürdigen britischen Paralleltwins ein.

 

Ballermann

Die OHV-Chang ist ein kerniges Ding. Sie springt nach stilgerechtem Fluten der Vergaser ohne Probleme per Anlasser oder Kickstarter an und ballert dann sonor vor sich hin. Wenn sich das Öl erwärmt und verteilt hat, darf der Motor sanft gedreht werden. Die Nenndrehzahl liegt bei 6000/min. Doch bereits mit etwas mehr als Standgas lässt sichs bequem anfahren. Der Durchzug ab 2000/min verleiht diesem Boxermotor echte Traktorqualitäten.

Rasselbande:
Der OHV-Boxer mit Rundschieber-Vergasern ist mechanisch extrem laut

Weniger schön: die gnadenlose mechanische Geräuschkulisse. Es klickert, rasselt und schnarrt derart laut von unten, dass man meint, der Motor liege in wenigen Sekundenbruchteilen in seine Einzelteile zerlegt auf dem Asphalt. Dazu scheppert die Gespannkarosserie grässlich an allen Ecken und Enden. Chang-Novizen erkennt man daran, dass sie ständig die Ohren auf Zylinderhöhe halten und horchen, ob noch alles dran ist ...

Ohne den heiligen Kröber-Drehzahl-messer
läuft bei Egli rein gar nichts

Auch das Getriebe klackert fröhlich mit. Nur viel Zwischengas und lange Künstlerpausen bei den Gangwechseln verhindern allzu schreckliche Töne. Schaltung und Hebelwege sind recht lang ausgelegt. Festes Schuhwerk ist empfehlenswert. Der vierte und längste Gang eignet sich als Dauerlösung zwischen Dorftempo und etwas mehr als 80 km/h, die Elastizität des simplen Boxers ist dabei beeindruckend. Die maximale Leistung beeindruckt weniger - zwischen 27 und 33 PS…

 

Teile von der Vmax

Importeur und Exotenspezialist Fritz W. Egli hat der Chang Jiang einige Modernitäten verpasst. Die tadellosen Federbeine an der Egli-Schwinge vorn stammen aus der strammen Yamaha Vmax (Umbaurestbestände), dazu gibts einen H4-Scheinwerfer mit guter Strassenausleuchtung sowie eine Öltemperaturanzeige und selbstverständlich Eglis heiligen Kröber-Drehzahlmesser. Er ist wie immer als vorstehender Klotz am Lenker angeschellt.

 

Droschkenfahrt

Das Gespann wirkt mit den grossen Rädern, den grobschlächtigen Bremstrommeln und dem kurzen, offenen Boot gedrungen und zerklüftet. Ein Motor-Rad im engsten Sinne des Wortes! Auf diesem Ungetüm sitzt es sich in beiden Schwingsätteln nicht unangenehm. Dank der erhöhten Position hat der Sozius gute Sicht nach vorn. Der bequeme Seitenwagensitz kann auf Schienen verstellt werden. Das ist auch nötig, denn wird der dahinterliegende Deckel (ein tonnenschweres Ding mit aufgeschraubtem Reserverad) aufgeklappt, erscheint ein kleiner «Schwiegermuttersitz». Dieser schwabbelig gepolsterte Platz stellt aber bereits Teenager vor echte Platzprobleme. Die gesamte Besatzung ist Wind und Wetter mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert, es gibt kein Regenverdeck. Ein guter Schweizer Sattler bringt das aber sicher hin.

Die Chang Jiang tuckert sehr ruhig durch die Lande. Automatisch sucht man sich Wege abseits der Masse, kurvt sicher und leicht um schmale und enge Ecken. Das gut verteilte Gewicht sorgt für Stabilität. Ein hochsteigendes Seitenwagenrad ist nur bei unangebrachter Fahrweise festzustellen. Schotter? Kein Problem. Und gröbere Unebenheiten werden dank der grossen Bodenfreiheit kaum wahrgenommen. Theoretisch dürfte man auch die Autobahn benutzen, aber das wäre schon fast Sadismus…

Der steinalte Stahlrahmen aus Ovalrohr würde sicher noch ein paar China-PS mehr verkraften. Das Anfahrpendeln des Lenkers (je nach Einstellung des Reibungsdämpfers am Steuerkopf) klingt dank der 19-zölligen Schmalspurreifen und mit etwas Gas schnell wieder ab. Egli verwendet anstelle der Originalfelgen drei untereinander austauschbare Ural-Räder mit massiver Geradeverspeichung. Zusätzlich sollen die russischen Trommelbremsen etwas stärker verzögern als die Chinabüchsen. Tatsache ist: Die Bremswege sind lang, länger, am längsten …

 

Fazit: Liebe ist ...

… etwas Besonderes zu pflegen und zu hegen! Das Unikum namens Chang Jiang CJE 750 OHV kann zum Schatz der Familie mutieren. Mit Papi am Lenker, Mami auf dem Sozius und den Kindern im Boot. Allzu viel Angst vor der Technik muss man nicht haben, denn eine grundsätzliche Standfestigkeit und eine gewisse Mindestqualität sind vorhanden. Importeur Egli rüstet das exotische Fahrzeug mit vielen, vielen Optionen je nach Kundengusto entsprechend aus. Mit «Swiss Finish» ist die dreirädrige Chinesin ab 19 500 Franken zu haben. Für weniger als 10 000 Franken kriegen versierte Selbstbauer die «Kisten-Version». Aber welches Angebot man schliesslich auch in Betracht ziehen wird: Entscheiden sollte in jedem Fall der Familienrat!

Chang Jiang CJE 750 OHV: Relikt aus einer vergangenen Zeit

 

Text und Bilder: André Baumann

Technische Daten (MSS 12/2000)

Chang Jiang CJE 750 OHV mit Seitenwagen

Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor. Je 2 im Kopf hängende und via Stossstangen betätigte Ventile pro Zylinder (OHV). Eine unten liegende Nockenwelle. Zwei 26-mm-Rundschiebervergaser. Unterbrecherzündung. 2-2-Auspuffanlage mit ungeregeltem Kat. Nasssumpfschmierung. Batterie 12 V/22 Ah,
 
Alternator 280-330 Wt, Elektro- und Kickstarter.
Bohrung x Hub 78 x 78 mm, Verdichtungsverhältnis 7,5 : 1, Hubraum 749 cm3
Leistung laut Hersteller
max. Leistung 27-33 PS (20-24 kW) bei 4000/minmax. Drehmoment 5,7 mkg (58 Nm) bei 3200/min
Kraftübertragung: Klauengeschaltetes Vierganggetriebe, separat zuschaltbarer Rückwärtsgang; mechanisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung; Sekundärantrieb via offen laufende Kardanwelle.

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus ovalem Stahlrohr. Ohne Schwinge hinten. Nabe direkt in zwei stehenden Dämpfern geführt. Vorne Egli-Schubschwinge mit zwei einstellbaren Federbeinen. Geschobene Kurzschwinge am Seitenwagen mit Torsionsfederung in Gummiblöcken. Federwege vorn und hinten je 80 mm. Mechanischer Reibungsdämpfer am Steuerkopf. Bootskörper in Blattfedern hinten aufgehängt. Zwei Kugelkopfanschlüsse und zwei Schrägstreben verbinden beide Chassis.

Räder/Bremsen: 19-Zoll-Stahlfelgen mit Drahtspeichen (Ural). Mechanisch via Seilzug oder Gestänge betätigte 200-mm-Trommelbremsen (hinten und seitlich Simplex, vorne Duplex). Räder untereinander austauschbar. Bereifung 4.00-19 (Avon).

Boot: Offener 1-Sitzer aus Stahlblech mit zusätzlichem Notsitz in der Heckklappe. Spritzdecke. Kofferraumvolumen ohne Sitzpolster ca. 80 Liter.

Abmessungen und Gewichte:
Gesamtlänge 2400 mm, Breite 1590 mm, Höhe 1000 mm
Bodenfreiheit 13-25 cm
Leergewicht (fahrf. vollgetankt) 380 kg, Zul. Gesamtgewicht 720 kg
Spurweite 1100 mm, Radstand 1420 mm
Tankinhalt (davon Reserve) 22/3 l , Testverbrauch pro 100 km 6,2 l
Wendekreis (re./li.) 3,5/6 m
Vmax 110-120 km/h 

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