UKRAINE-HIGHWAY TO KIEW Text und Bilder: Fränky 3-2003
              

 

Russland? Ukraine? Urlaub? Was willst du denn da, war die fast einstimmige Frage aller Bekannten. Nun, ob es ein Urlaub im herkömmlichen Sinn wird, bezweifle ich sogar selbst.

In mitten mehrerer Gespanne russischer Herkunft und einer Yamaha XT 600 fahre ich mit meinem BMW GS Gespann gen Osten. Die Idee der Reise stammt vom Lois Löw (Russengespann-Händler) und Udo Vogel (Hotelbus Reiseveranstalter). Gelockt übers Internet, limitiert auf 20 Personen ich wollte unbedingt mit.
So stehen wir nun kurz vor Budapest, um auf dem Parkplatz einer gemütlichen Csarda, die erste Nacht zu verbringen. Während die anderen im Hotelbus nächtigten, zog ich es vor, im Zelt zu schlafen.

Die Anreise erfolgte über Passau-Wien-Budapest. Dank der Kommunisten Kräder war es eine gemütliche Fahrerei, kaum schneller als 80KM/H. Meine BMW danke es mir mit Minimal Verbräuchen.

Auf die Stadtbesichtigung Budapest verzichteten Martel und ich, wir machten lieber eine Rundfahrt durch die ungarische Matra. Ein Hauch Schwarzwald und Vogesen, schöne kleine Sträßchen und wenig Verkehr, ließen dies zum Erlebnis werden. Ein vorzügliches Mahl in einer Pizzeria passte zu diesem Tag. Der Tourismus hat hier seit der DDR Grenzöffnung sehr stark nachgelassen, man sieht es an den vielen, leeren Hotels und Ferienanlagen. 

 

In der Hauptgruppe hatte währenddessen „Don Harry“ die ersten Probleme mit seiner Olga, wie er seinen Russenboxer liebevoll nennt. Aber der Hotelbus hatte einen Anhänger mit dabei, sodass die Reparatur auf später vertagt werden konnte.

Wir schraubten uns von den luftigen Höhen der Matra runter in die Pussta. Die ersten Störche tauchten auf, hier fast so zahlreich wie bei uns die Spatzen. Vorbei an Tokay, welches bekannt für seinen Wein ist, bis nach Kisvarda. 20km vor der ukrainischen Grenze gelegen. Hier folgte die zweite Nacht auf einem Campingplatz. Die abendliche Verpflegung, sowie Frühstück war im Reisepreis inbegriffen und war immer der gemütliche Teil eines jeden Abends. Während die einen fast die ganze Nacht ihr Liedgut zum Besten gaben, versuchten die Anderen krampfhaft eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. 

Am 25.7.02 gab es die ersten frischen Weckla (Brötchen), trotzdem beeilten wir uns, da keiner wusste, wie lange die Grenzabfertigung in die Ukraine dauern würde. Die 20km im Regen war rasch abgespult, und da standen wir nun, vor dem Tor zum Osten. Die ungarischen Formalitäten waren in wenigen Minuten vorbei, aber drüben hieß es erst mal warten. Passkontrolle, Formular ausfüllen, deklarieren, fotokopieren, Gepäckkontrolle und noch Geld wechseln in Griwna, nach zwei Stunden schon, hatten wir es geschafft. Die erste Tankstelle war der Treffpunkt, die Tanks noch für 40Cent pro Liter gefüllt, dann hieß es warten, und zwar fast 6 Stunden bis Udo mit dem Bus kam. Er hatte massive Probleme, wegen dem Anhänger hinter dem Reisebus (verboten).

Nun gut, auf geht’s in Richtung Karpaten. In den kleinen Dörfern fühlte man sich in die 50iger Jahre zurückversetzt. Mehr Pferdefuhrwerke als Autos, Brunnen vor dem Haus und Kleidung die eher praktisch als modisch war. Die Strassen mit Spurrillen gigantischen Ausmaßes, in den Ortschaften Schlaglöcher, harte Anforderungen an unsere Federelemente.

 

Nach einer Brücke dann auch gleich die erste Polizei Kontrolle. 90 statt 40 sagen die Wegelagerer, das macht 100 Dollar. Hoppla, ich muss erst einmal schlucken. Die Taktik mit dem zweiten, fast leeren Geldbeutel ging auf, jetzt waren es noch 25 Dollar und auf den Hinweis, wie wir nun Tanken und Essen jetzt bezahlen sollen, gab’s noch mal 5 Dollar zurück. Zum Dank gibt’s unter einem Pavillon noch einen Wodka vom Polizeichef persönlich!

Die Karpaten wirken so herrlich unberührt. Tourismus ist hier noch ein Fremdwort und für die armen Bewohner hier geht es ums nackte Überleben. Die Strassen werden schlechter, die Brummis qualmen wie ein Dampfschiff und sind oft schon an die 30ig Jahre alt. Die Leute in den Dörfern schauen uns mit offenen Mündern nach, wenn man ihnen zuwinkt, winken sie lachend zurück.

Inzwischen regnet es wieder, die Strasse wird zur Rutschbahn, "Gottseidank" habe ich drei Räder.

Auf einer Bergkuppe ist Schluss für heute. Eine kleine Bar, davor ein Mann, der über einem alten Ölfass Schaschlik grillt und ein großer, umzäunter Platz soll unser Nachtlager werden.

n der Bar wurde es dann noch saugemütlich, erst gegen 4 Uhr morgens, von Bier und Wodka geschwängert sank ich in den Schlafsack. Das Frühstück am 26.7.02 tätigten wir im Regen und etwa 12 Grad im Schatten. Weiter ging’s über die schmierigen Strassen bis Stryi. Überall an der Strecke Militärdenkmäler aus alten, roten Zeiten. Harrys Dreirad verlor Luft am Vorderrad, was aber durch Aufpumpen schnell erledigt war. 

Ternopil soll unser nächstes Ziel sein. Wieder Polizeikontrolle. Kolonnenfahren sei verboten in der Ukraine, aber wenigstens wollte er keine Dollars. In Ternopil besorgten Martel und ich noch Fleisch für die ganze Mannschaft. Die Metzgerei war aber auf solch eine Menge gar nicht eingestellt. Udo hat die „Schnitzel“ nachgemessen, 7cm im Durchmesser und wenige Millimeter dick. Nicht jeder wurde abends satt. Wieder nächtigten wir an der Strasse bei einem Restaurant auf einem Schotterparkplatz. Mensch Udo, normalerweise würde ich mein Zelt hier nieee aufschlagen. Ölbüchsen, Flaschen und was weiß ich noch alles lag hier rum. Im Restaurant mussten wir wegen fehlendem Platz in Etappen essen und es gab sogar eine Duschmöglichkeit, die aber leider nur für 2,5 Personen reichte.

27.7.02 heute müssten wir es locker bis zum Ziel Kiev schaffen. Das letzte Stück war Autobahn und wir kamen zügig voran. Gerhard aus Wien hatte noch Probleme mit seinem Benzinhahn was aber wieder mit Udos Anhänger kompensiert wurde. Inzwischen war es verdammt heiß geworden, 40 Grad zeigt das Thermometer. Vorbei an Melonenfeldern, grasenden Kühen direkt an der Strasse, Einheimische die Beeren, Äpfel, Besen zum Verkauf anbieten und dadurch ihr Überleben sichern. Die Armut ist hier allgegenwärtig. Der Lois hat an seinem, mit Hatz Diesel Motor ausgerüsteten Russengespann, den Schalldämpfer verloren und röhrt mit ordentlich Phon gen Kiev.

Eine letzte Polizeikontrolle wendete sich zum Guten, indem uns die Sheriffs mit Blaulicht zum Treffpunkt in Kiev eskortierten. Auch das ist möglich in diesem Land. In vier Tagen waren das 2000km bis Kiev. Unsere Bleibe hier war ein ehemaliger Campingplatz mit zerfallenen Datscha, aber immerhin Security Personal und Dusche, sogar ein WC gab es auch, nur im erbärmlichen Zustand.

Abends bekamen wir noch Besuch von den Silver Bullets, dem hiesigen Kiever Motorradclub. Der Einladung ins Clubhaus folgten ein paar unserer Gruppe.

Der nächste Tag wurde bei den Russentreibern intensiv für Wartungs- und Reparaturarbeiten genutzt. Nachmittags war Besichtigung der 3 Millionen Metropole Kiev angesagt. Klöster, Militärmuseum, Stadtzentrum und die Dnepr Brücke waren die Höhepunkte. Es hätte noch Tage gedauert, um alles zu erkunden. Hier in der Stadt ist der Gegensatz zwischen arm und reich am auffälligsten. Ich lernte noch einen netten, deutschsprechenden Steinmetz kennen, und erfuhr so manches über Regierung und Korruption und den daraus resultierenden Alltagsproblemen. Den Abend ließen wir auf dem Campingplatz feuchtfröhlich ausklingen.

Am 29.7.02 kam der Tag, auf den die meisten der Teilnehmer sehnsüchtig warteten. Eine Werksbesichtigung des ehemaligen Dnepr Motorradwerkes war angesagt. Leider durften wir auf dem Werksgelände nur zwischen den leeren, abbruchreifen Werkshallen umherlaufen. Das war ein Schuss in den Ofen. Wichtiger war da schon der Werksverkauf zu Spottpreisen. So mancher kaufte mehr, als er nachher verstauen konnte. Schwarzhändler fanden sich schnell ein, und unterboten die eh schon billigen Preise um ein Vielfaches – Ukraine wie es  leibt und lebt. Gegen 12 Uhr traten wir dann endlich die Heimreise an. Es war immer noch sehr heiß.

Riwne soll uns Tagesziel werden. Dem Harry2 platzte noch das Getriebe, er hatte aber in Kiev ein neues bei Dnepr geholt und war somit außer öligen Händen aus dem Schneider. In nur 90 Minuten war das Teil gewechselt. Wieder wurde an der Strasse auf einem Lkw Parkplatz genächtigt. Der nächste Tag soll uns über Lemberg bis an die polnische Grenze bringen. Aber diesmal hatte der Martin Probleme mit seiner Ural Kupplung. Ich setzte ihn in meinen Beiwagen und wir suchten über zwei Stunden nach Ersatzteilen in Lemberg. Aber irgendwie bekamen wir die Teile zusammen und wir konnten die Aufholjagd zur Hauptgruppe beginnen. Noch vor der polnischen Grenze hatten wir aufgeholt. Hörby hatte einen Platten und musste das Reserverad montieren. Oh diese Russen.

 

Zweieinhalb Stunden an der polnisch-ukrainischen Grenze war ein Klacks. Der polnische Campingplatz in Premysil war vom Komfort her schon eine Nummer besser, als die ukrainischen „Naturplätze“. Martins Kupplungsteile passten letztendlich doch nicht, die Ural verbrachte den Rest der Reise auf dem Anhänger. Am nächsten Tag fuhren wir durch den polnischen Nationalpark bis in die Slowakei in die Hohe Tatra. Gegen 22Uhr belegen wir dort den Eurocamp-Campingplatz. Es regnet wieder, und nach einem warmen Essen vom Bus fallen wir müde in den Schlafsack.

Am nächsten Tag umrunde ich die Tatra, fahre wieder nach Polen bis Zakopane, bekannt durch die Skisprungschanze. Das Minigebirge hinter mir, bin ich mittlerweile wieder in der Slowakei und für mich ist nur noch der schnelle Heimweg angesagt. Die Grenze nach Tschechien geht europäisch schnell, die Berge werden flacher. Ich schaffe es noch bis Olumuk zum Campingplatz.

Der nächste Tag bringt zunächst dichtesten Nebel, als es heller wurde regnete es was das Zeug hält. Erst im Böhmerwald kommt wieder die Sonne raus, die deutsche Grenze liegt vor mir, noch zweieinhalbe Stunden und ich bin zuhause. Was ist das schon im Vergleich zu den zurückgelegten 4900km. Eine Reise durch die Vergangenheit, voller Gegensätze geht zu Ende. Von den ganzen Horrorgeschichten im Vorfeld traf keine zu, deshalb, die Ukraine ist immer eine Reise wert.

Fränky